Tonumfänge der Klaviaturen

Der Umfang der Klaviaturen ist über die Jahrhunderte kontinuierlich angewachsen. Die Klaviermusik selbst orientierte sich an den Tastaturen, die zu ihrer jeweiligen Zeit zur Verfügung standen.

 H – a2
(Halberstadt Domorgel 1356 Oberklavier)
mitgeteilt von Praetorius 1619
 H - a2 (alle Tasteninstrumente)feststellbar im 15. Jhd.
 FGA – g2dt. Claviciterium sp. 15. Jhd.; mit hinzugefügtem a2 weitverbreitet im 16. Jahrhundert
 C/E – c3sehr häufig vom späten 16. bis zum Ende des 17. Jhds. mit „kurzer Oktave" im Bass.
Die Schreibweise „C/E“ zeigt dabei an , dass auf der scheinbaren „E“-Taste der Ton C erklingt.
Bei deutschen Clavichorden sowie italienischen Kleincembali bis ins 18. Jhd.
 C/E – f3typisch für italienische Instrumente des 16. und 17. Jhds.
C/E – c3
mit „gebrochener“ kurzer Oktave
die scheinbaren „Fis“- und „Gis“-Tasten waren in zwei geteilt, die D und E (vorne) und Fis und Gis (hinten) ergaben
dt. Klaviere ab ca. 1690, in Italien schon ab ca. 1650
 C – c3
mit „langer“ Oktave
England schon im 17. Jahrhundert; deutsche, französische und italienische Instrumente von ca. 1700 bis um 1770; typisch für Orgelmanuale bis ins 19. Jhd.

Der Vieroktavenumfang wurde im Verlauf des 18. Jahrhundert in vielen kleinen Schritten auf fünf Oktaven erweitert, wobei sich viele Varianten ergeben, oft bei demselben Hersteller (von Gräbner in Dresden existieren beispielsweise Instrumente mit den Umfängen D’ – d3 wie auch E’ – e3).

Französisch beeeinflusste Instrumente besaßen nicht selten eine einzelne Extra-Taste unterhalb C; diese konnte bei Cembali "nach Bedarf", etwa auf A1 (oft erforderlich in diverser Tastenmusik), oder B1 (in Generalbaßstimmen) eingestimmt werden, während bei Orgeln A1 üblich war.

 F1 – f3üblich ab der 1. Hälfte des 18. Jhds. bis ca. 1790
 G1 – g3Spanische Cembali (?); englische Querspinette
 C – f3 Orgelmanuale bis heute; Clavichorde für Übezwecke
 F1/C – f3Wiener „mehrfach gebrochene“ kurze Oktave; auf der "C"-Taste erklang F1, die scheinbare "D"-Taste war in drei Tasten unterteilt, die (von vorne ab) die Töne G1, A1 und B1 ergaben, die „E“-Taste war unterteilt in C und H1, dazu eine gebrochene kurze Oktave D/Fis und E/Gis

Derartige "kurze" Oktaven verzichteten auf einige selten oder gar nicht benötigte Halbtonstufen, erleichterten andererseits aber gewisse Figuren und Parallelführungen für die linke Hand erheblich. Manche Dezimenpassagen in Klaviersonaten etwa von Haydn sind nur auf solchen möglich.

Mozart komponierte zeit seines Lebens für Klaviere mit dem Umfang F1 – f3, Haydn mit einer einzigen Ausnahme, Beethoven bis 1803. Doch zu Beethovens Lebzeiten und weiter bis etwa 1860 ging diese Entwicklung rasant vonstatten.

 F1 – g3einige Clavichorde ab den 1780er Jahren; manche Hammerflügel zwischen 1795 und 1803
 F1 – c4Clavichorde ab 1800, Hammerflügel nach 1803 bis um 1810;
Haydns Leihflügel in London, Beethovens Erard-Flügel (seine Kompositionen von op. 53 „Waldsteinsonate“ bis op. 81a haben diesen Umfang)
 C1 – f3einige Cembali von Shudi & Broadwood
 C1 – c4englische Hammerflügel zwischen 1808 und 1820;
Beethovens Broadwood-Flügel
 F1 – f4späte Clavichorde nach ca. 1810, süddeutsche Hammerflügel bis ca. 1840;
(Beethovens Kompositionen von op. 81a von 1809 bis op.101)
 C1 – f4Hammerflügel von ca. 1816 bis um 1840;
Beethovens Graf-Flügel (seine Kompositionen ab op. 101 von 1816)
 C1 – g4Hammerflügel um 1840
Schumanns Graf-Flügel
 C1 – a4Hammerflügel um 1840
 A2 – a4Hammerflügel von etwa 1850 bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts
 A2 – c5Modern, seit etwa 1970 vermehrt

Tafelklaviere und aufrechte Hammerklaviere haben oft einen etwas geringeren Tonumfang als das flügelförmige Instrument. Mit der Durchsetzung des Pianinos als einziges Hammerklaviermodell für den ausschließlich häuslichen Gebrauch wurde dessen Tonumfang dem des Flügels angeglichen.

 
 
 

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