Zum Tod von PD Dr. Erich Tremmel
Von Franz Körndle
In der Nacht vom 17. zum 18. August 2026 verstarb unser lieber Kollege und Freund, PD Dr. Erich Tremmel im Alter von 66 Jahren. Noch am späten Nachmittag dieses 17. Augusts konnte ich länger mit ihm telefonieren. Er war guter Dinge, denn er hatte ein paar Tage zuvor einen Satz mit drei Chalumeaus bei einem Anbieter in Italien bestellt. Unser Gespräch ging aber nicht nur um diese interessanten Instrumente, deren Entwicklung im 18. Jahrhundert hin zur Klarinette führte, sondern um Vieles, was uns über die Jahrzehnte verbunden hatte, insbesondere Tasteninstrumente und Harfen.
Erich Tremmel, geb. am 21. Oktober 1959, besuchte das Gymnasium in seiner Heimatstadt Füssen bis zum Abitur 1979 und entwickelte in dieser Zeit ein intensives Interesse für die Musik und insbesondere die Blasinstrumente. Es war daher kein Zufall, dass wir beide uns am Ende der Schulzeit im Symphonieorchester der schwäbischen Gymnasien erstmals begegneten, das sich regelmäßig in Ottobeuren zu den Probenphasen zusammenfand. Erich an der Oboe, ich am Kontrabass. Aus dieser Zeit bestehen noch weitere Freundschaften bis heute. Erich konnte später einmal erklären, dass er in jenen Jahren an sich eine Begabung entdeckte, nämlich einen ganz feinen Sinn, Klangfarben gehörsmäßig erkennen und mit konkreten Instrumenten verbinden zu können. Diese schöne Fähigkeit bildete schon bald die Grundlage für seinen weiteren Werdegang, der sich mit dem meinen mehrmals kreuzte. Unmittelbar nach dem Schulabschluss nahm er sein Studium am Münchner Institut für Musikwissenschaft auf, wo wir beide uns wenig später wieder begegneten. Da jedoch damals die junge Augsburger Universität einen neuen musikwissenschaftlichen Studiengang eröffnete, sah Erich im Sommer 1981 die Gelegenheit gekommen, seine privaten Umstände mit der von einer Tante übernommenen Wohnung und die fachlichen Studieninteressen in idealer Weise kombinieren zu können. 1985 schlossen wir unser Studium ab – Erich in Augsburg und ich in München. Gleichwohl hatte mich Augsburg so neugierig gemacht, dass ich selbst für ein paar Semester dorthin wechselte, bis wir beide unsere ersten Anstellungen bekamen; Anfang 1987 wurde Erich wissenschaftlicher Mitarbeiter in Augsburg, wo er 1991 auch seine Dissertation über Blasinstrumentenbau in Süddeutschland im 19. Jahrhundert abschloss. In der Promotionszeit entstand jene Erzählung, Erich würde in jeder freien Minute und alle Öffnungszeiten der Universitätsbibliothek nützend über wissenschaftlichen Büchern sitzen, um mehr über die Musik und ihre Instrumente zu erfahren; alle, die ihn kannten, durften später von dem schier unglaublichen Fundus an Wissen profitieren, der keineswegs nur aus unserem Fach selbst kam, sondern universell aufgestellt war. Und Erich gehörte zu den Menschen, die ihre Kenntnisse gerne an andere, Freunde und Kommilitonen sowie später an Kolleginnen, Kollegen und Studierende weitergaben. Die Laufbahn in der akademischen Welt war somit vorgezeichnet, und nicht zufällig erhielt Erichs Dissertation 1992 den Dissertationspreis des Bezirks Schwaben. Seit damals war er bis 1998 Assistent am Augsburger Lehrstuhl, bis 2005 dann noch wissenschaftlicher Mitarbeiter. In diesem Jahr öffnete die Habilitation an der Universität Augsburg über Melchior und Conrad Neusidler – zwei Augsburger Lautenmeister des 16. Jahrhunderts die Tür zur Hochschullehrertätigkeit. Im Sommersemester 2007 vertrat Erich den musikwissenschaftlichen Lehrstuhl an der Universität Göttingen. Ansonsten wirkte er in wechselnden Anstellungen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und dem Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde. Wegen seiner einzigartigen Expertise bei den Musikinstrumenten war er darüber hinaus als Lehrbeauftragter sehr begehrt, an den Musikhochschulen Stuttgart und München ebenso wie an den Universitäten Innsbruck, Würzburg und Augsburg.
Der an sich logische und zweifellos mögliche Schritt zu einer Professur, blieb ein unerfüllter Wunsch. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Es mag sein, dass man ihm aufgrund seiner instrumentenkundlichen Spezialisierung nicht so leicht ansah, wie breit er nicht nur in der historischen Musikwissenschaft aufgestellt, sondern auch in der Musikethnologie äußerst versiert war; vielleicht hat er aber selbst dazu beigetragen, weil er sich von den Kreisen der fachlichen Entscheidungsträger gerne fernhielt. Sich in das Räderwerk des musikwissenschaftlich-akademischen Stellenmarkts einzubringen, es war nicht seine Sache.
Erich blieb bis zuletzt ein unverdrossener Forscher und ein bei allen beliebter Lehrer. Und immer gab er Auskunft zu gängigen und abgelegenen Fragen. Als das Pyrophon 2018 zum Curious Instrument of the Year gekürt wurde, konnte er dies nur mit einer Frage verknüpfen: Original-Pyrophon oder Nachbau? Tja, das Original funktioniert nur mit Straßburger Stadtgas, für die modernen Nachempfindungen dagegen kann man aus Sicherheitsgründen auch Campinggas nehmen. Mit solchen Details überraschte er in liebevoller Weise und regelmäßig. Nur Wenige freilich wissen, dass der starke irische Akzent, mit dem Erich sein eloquentes Englisch sprach, aus einer Zeit rührte, in der er regelmäßig mit dem Auto nach Dublin fuhr, um einen guten Freund zu besuchen; kaum jemand kannte Erichs heimliche Neigungen zu Fernsehkrimis, wobei er sich bei Inspector Barnaby ebenso wie beim Tatort, keineswegs auf die Folgen mit musikalischen Themen beschränkte. Er kannte sich mit dem Fliegenfischen ebenso aus wie mit dem Scheibenschießen im 16. Jahrhundert. Und natürlich war ihm klar, dass der Erichtag nicht nach dem Erich benannt war, sondern in älteren Zeiten den Dienstag bezeichnete.
Erst nach Erichs Tod kam eine Schallplatte, eine sog. Maxi-Single, aus dem Jahr 1980 ans Licht, bei der er mit sechs Gleichgesinnten der Band Amagideon auf Holzblasinstrumenten zu hören ist. Im Sommersemester 2025 gab er anlässlich eines Seminars als Testperson für Oral History ein Interview, in dem er seinen Weg zur Musik erläuterte. Das aufgenommene Video wurde so etwas wie Erichs Vermächtnis. Erich war seit Jahren Mitglied einer Teams-Gruppe des Greifenberger Instituts für Musikinstrumentenkunde. Ab dem 18. August 2026 war er dort nicht mehr erschienen und auch telefonisch nicht erreichbar. Es fällt allen aus seinem Umkreis schwer zu fassen, dass man ihn fortan gar nicht mehr erreichen kann. Sollte es so etwas wie ein himmlisches Symphonieorchester geben, wird er dort die Aufgabe übernehmen, die Sonderpartien für Trautonium, Pyrophon oder Chalumeau zu betreuen.
né en 1959 à Füssen (Allgäu) / décédé en à Augsbourg
À partir de 1979 il suit des cursus d’étude de musicologie, d’hébreu, de philosophie et d’histoire de l’art aux universités de Munich et d’Augsbourg. Master en 1985, doctorat en 1992 et habilitation en 2005.
De 1987 à 1992 il est assistant de recherche, puis jusqu’en 1998 assistant à la chaire de musicologie de l’Université d’Augsbourg. Depuis lors, il y a enseigné et de 1999 à 2011 à la chaire d’éducation musicale de l’Université de Würzburg. Le Semestre d’été 2007 comme professeur suppléant (musicologie historique) à l’institut de musicologie de l’Université de Göttingen, ceux des hivers 2007/8 à 2012/3 comme chargé de cours à l’institut de musicologie de l’Université d’Innsbruck. Employé académique de 2010 à 2012 à l’Institut de musicologie de la Liszt School of Music Weimar, depuis lors chargé de cours là-bas, et depuis 2018 également à l’Université de musique et de théâtre de Munich.
Il est membre de l’institut de Greifenberg depuis 2005.

Il présente de nombreuses publications sur l’histoire des instruments de musique en relation avec leur production, leur utilisation, la pratique musicale, l’interprétation et la notation, la musique de film, ainsi que divers sujets de l’histoire musicale des XVIe , XVIIIe et XXe siècles. Il est contributeur à «The Music Past and Present» et au «The New Grove Dictionary of Music and Musicians».
Publications en musicologie (non exhaustif) :
Blasinstrumentenbau im 19. Jahrhundert in Südbayern, Augsburg 1993 (zugl. Phil. Diss. Univ. Augsburg 1991)
(Hrsg. zusammen mit Gert-Dieter Ulferts): Kosmos Klavier. Historische Tasteninstrumente der Klassik Stiftung Weimar, Augsburg 2011. (Katalogband zur Teilausstellung „Kosmos Klavier“ im Rahmen der Thüringer Landesausstellung „Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar“ Weimar 2011)
Ein Flügel des
Augsburger Klavier- und Orgelbauers Joseph Bohl (1801-1878), in: Augsburger Jahrbuch für Musikwissenschaft (AJb) 1984,
1. Jg., Tutzing 1984, S. 61-71.
Die Sammlung
afrikanischer Musikinstrumente im Missionsmuseum St. Ottilien, in: AJb 1986, 3. Jg., Tutzing 1986, S. 7-50.
Der Orgelbauer Andreas
Jäger und sein Hauptwerk, die Große Orgel von St. Mang zu Füssen, in: [Jahrbuch des Historischen Vereins] Alt-Füssen 1988,
Füssen 1989, S. 49-57.
Der Schriftverkehr zum Bau der Großen Orgel von Andreas Jäger im Kloster St. Mang, in: Alt-Füssen 1991, Füssen 1992, S. 134-143.
Die Orgel in der Synagoge. Eine Betrachtung aus musikwissenschaftlicher Sicht, in: Europäisches Zentrum für Jüdische Musik (Hrsg.), 2. Internationales Festival für Jüdische Musik, Augsburg 1989, S. 67-86.
Der Niedergang des Musikinstrumentenbaus in Füssen und
Umgebung im 19. Jahrhundert. Fakten, Parallelen und Hintergründe, in:
Alt-Füssen 1989, Füssen 1990, S. 128-138.
Der Musikinstrumentenbau
im Königreich Bayern im Lichte der Gewerbsstatistiken, in: AJb 1990, 7. Jg., Tutzing 1990, S. 117-175.
Kriterien zur
Instrumentation im 16. Jahrhundert. Pierre Attaingnants Besetzungsvorschläge für seine „Vingt
et sept chansons musicales a quatre parties a la fleuste dallemant ... et la
fleuste a neuf trous” von 1533, in: Neues Musikwissenschaftliches Jahrbuch 2, Augsburg 1993, S. 7-38.
Blasinstrumente
(Holzblasinstrumente), in: Handbuch der
Musikinstrumentenkunde, (Neu bearbeitete Auflage:) Kassel 2004, S. 175-210.
Musikinstrumentenfragmente im Fundkomplex des „Mühlberg-Ensembles" in Kempten – Zum Instrumententyp des „Klein Flötlin mit vier Löchern“, in: Ingolf Ericsson und Rainer Atzbach (Hrsg.), Depotfunde aus Gebäuden in Zentraleuropa/Concealed Finds from Buildings in Central Europe, Berlin 2005, S. 75-82 (with Engl. summary).
Zur Quartflöte, insbesondere in Werken Georg Philipp Telemanns, in: Brit Reipsch und Wolf Hobohm (Hrsg.), Telemann und Bach – Telemann-Beiträge (Magdeburger Telemann-Studien XVIII), Hildesheim u.a. 2005, S. 243-262.
Aspekte der
Instrumentation bei Georg Philipp Telemann, in: Dieter Gutknecht, Wolf Hobohm
und Brit Reipsch (Hrsg.), Freiheit oder Gesetz – Aufführungspraktische
Erkenntnisse aus Telemanns Handschriften … (Kongreßbericht Magdeburg 2000),
Hildesheim u.a. 2007, S. 34-53.
Musikinstrumentenbau in Tirol bis ca. 1600, in: Kurt Drexel und Monika Fink (Hrsg.), Musikgeschichte Tirols I, Innsbruck 2001, S. 697-703.
Musikinstrumentenbau in Tirol vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, in: Kurt Drexel und Monika Fink (Hrsg.), Musikgeschichte Tirols II, Innsbruck 2004, S. 779-798.
Musikinstrumentenbau in Tirol im 20. Jahrhundert, in: Kurt Drexel und Monika Fink (Hrsg.), Musikgeschichte Tirols III, Innsbruck 2008, S. 707-714.
Innovation im Klavierbau. Faszination, Herausforderung, Zwang am Beispiel der Firma Erard, in: Franz Körndle und Gert-Dieter Ulferts (Hrsg.), Konservierung und Restaurierung historischer Tasteninstrumente in den Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar, Augsburg 2011, S.167-188.
Weimarer Traditionen der Klaviermusik, in: Detlef Altenburg (Hrsg.), Franz Liszt – ein Europäer in Weimar, Köln 2011, S. 146-151.
Fragen, Ergänzungen und Hintergründe zur Entwicklungsgeschichte der Deutschen Lautentabulatur, in: Axel Schröter (Hrsg.): Musik – Politik – Ästhetik (Fs Detlef Altenburg), Sinzig 2012, S. 675-686.
Die „Litui“ in O Jesu Christ mein Lebens Licht BWV 118, oder Die Entmystifizierung eines nur scheinbaren Mysteriums , in: Elisabeth Bock und Michael Pauser (Hrsg.): Denn Musik ist der größte Segen (Fs Helen Geyer), Sinzig 2018, S. 231-241.